Schumpeter und Didaktik – Ich habe dieses Thema für mein Statement gewählt, weil mich Joseph Alois Schumpeter (1883–1950) schon immer fasziniert hat. Dadurch, dass wir beide am gleichen Tag (8. Februar) Geburtstag haben, besteht von meiner Seite eine zusätzliche Verbindung. In meiner Veröffentlichung „Joseph A. Schumpeter und das Studium der Sozialwissenschaft. Ein Beitrag zur österreichischen Wissenschaftsgeschichte“ (1999) habe ich mich erstmals wissenschaftlich mit ihm beschäftigt. Seitdem nehme ich aufmerksam und intensiv jeden Literaturhinweis und jede Meldung wahr.

So habe ich etwa einen Blogbeitrag zum Thema „Schumpeter, schöpferische Zerstörung und die BBC“ verfasst, in meiner Keynote Innovation ist ein zentrales Argument „Wie Sie mit den grundlegenden Ideen von Joseph Schumpeter erfolgreich in die Zukunft gehen“ und 2016 habe ich am Expertentag Wirtschaftstraining & Coaching in Wien gemeinsam mit Michael Defranceschi einen Workshop zum Thema „Erfinde dich neu! – Innovation zwischen Schumpeter und Digitalisierung“ angeboten.

Pädagogisch-Bildungsgeschichtliche Statements VII

Am 12. September 2019 hat Elmar Lechner wieder einmal in das „Historische Klassenzimmer“ im Schulmuseum Klagenfurt in Wölfnitz eingeladen, pädagogisch-bildungsgeschichtliche Statements abzugeben (Pädagogisch-Bildungsgeschichtliche Statements VII). Christian Pirker wurde wiederum eingeladen ein eigenes Statement abzugeben. Das Thema 2019 war „Wie viel Schumpeter braucht die Didaktik?“.

Der Begriff „Didaktik“

Der Begriff „Didaktik“ kommt aus dem Altgriechischen und heißt direkt übersetzt „Lehrkunst“. Nach Dieter Lenzen ist „Didaktik“ die wissenschaftliche Reflexion von organisierten Lehr- und Lernprozessen. (vgl. Lenzen 1989, S. 307) Walter Schöler (1928–1994) verweist auf die untrennbare Einheit von Didaktik und Methodik im Unterricht. „Didaktik strukturiert Unterrichtsentscheidungen auf der Grundlage theoretischer Reflexion.“ (Schöler 1977, S. 8)

Friedrich Kron, Eiko Jürgens und Jutta Standop unterscheiden fünf gängige Bestimmungen von Didaktik als Wissenschaft: (Kron/Jürgens/Standop 2014, S. 36 ff.)

  1. Didaktik als Wissenschaft vom Lehren und Lernen
  2. Didaktik als Theorie und Wissenschaft vom Unterricht
  3. Didaktik als Theorie der Bildungsinhalte
  4. Didaktik als Theorie der Steuerung von Lernprozessen
  5. Didaktik als Anwendung psychologischer Lehr- und Lerntheorien

Schumpeter und seine Didaktik

Joseph Schumpeter sah sich selbst als Lehrer eher kritisch. Zumindest hat der das in seinen Vorlesungen so gesagt.

„Schumpeter pflegte in seinen Vorlesungen zu betonen, daß es ihm an jeglichem pädagogischen Talent fehle und daß es ihm quasi des Broterwerbs wegen obliege, dem Beruf des Lehrers nachzugehen. Und seine Studenten waren manchmal bereit, ihm in diesem Punkt beizupflichten, da seine Vorträge nur allzu oft einen klaren Aufbau vermissen ließen und den Eindruck mangelnder Vorbereitung und Improvisation bei den Zuhörern hinterließen.“ (März 1983, S. 11)

Doch Eduard März (1908–1987) zeigt umgehend die andere Seite der Medaille:

„Gewiß, Schumpeter war kein Pädagoge im herkömmlichen Sinne, aber seine Begeisterung für die ökonomische Disziplin, seine Liebe für jedes winzige dogmengeschichtliche Detail und seine bravouröse Beherrschung der Materie, […], übertrugen sich auf den Hörer und gaben diesem mitunter das Gefühl, Zeuge einer geradezu kultischen Handlung zu sein. Schumpeter war in der Tat so etwas wie ein Hohepriester seiner Wissenschaft.“ (März 1983, S. 11)

Die Eckpfeiler in Schumpeters Didaktik

Die Eckpfeiler in Schumpeters Didaktik lassen sich aus meiner Sicht so zusammenstellen:

Die Eckpfeiler in Schumpeters Didaktik

Es beginnt mit dem Ich und der Haltung. Die Persönlichkeit Joseph Schumpeters war wohl einzigartig und elitär. Er hatte ein enormes Wissen und war als Wissenschafter exponiert und auf ständiger Expedition. Er verfolgte konsequent die theoretische Ökonomie und trieb sie fast um jeden Preis voran. Es war ihm klar, was die Studenten lernen müssen. Seine Auftritte waren in bestimmter Kleidung und seine Sprache war klar (Show). Ebenso klar war sein Geist, der immer noch Kapazität für neue Gedanken hatte. Die scheinbar chaotischen Papierschnipsel, wirkten auf die Hörer überraschend, irritierend und waren eines seiner Markenzeichen. Sein Anspruch war sehr hoch, weil er das Beste wollte. Dahingehend war er konsequent, um nicht zu sagen stur und eigenbrötlerisch. Einige Stichworte dazu sind: „Von der Kunst zum Kult (Hohepriester seiner Wissenschaft)“, „glänzender Redner“, „elegant gekleideter junger Mann“, „Brillanz seines Vortrages“ und „Tiefe seiner Gedanken“, „Schlampigkeit des Genies“, „monströses Gedächtnis“, „leere Papierstreifen“, „Tabus“, „homo politicus“ und „bereit für Duelle“.

Zusammenfassung und Ausblick

Dieses Statement und diese Arbeit sind eine mögliche Sicht auf das schillernde Phänomen Joseph Schumpeter und seine Didaktik bzw. der Frage „Wie viel Schumpeter braucht die Didaktik?“. Schumpeter kann man nicht kopieren und vermutlich ebenso nicht in Kategorien zwingen. Dennoch gibt uns seine Art zu leben, zu lernen, zu sein und zu lehren wertvolle Impulse für eine andere Sicht auf die Didaktik.

Nicht jeder Lehrer kann eine solche Persönlichkeit sein, aber man kann auf sein Ich achten und Haltung an- und einnehmen. Insbesondere dann, wenn der Zeitgeist auf der anderen Seite steht. Jeder Lehrer kann danach streben, dass er erstklassiges Wissen hat und per Definition muss er wissen, was die Lernenden lernen sollen. In der heutigen Zeit wird oft zu wenig auf die Kleidung und die Sprache geachtet. Zu oft wird nunmehr jeder Tag zum „Casual Friday“ und die Sprache ist oftmals geprägt von Privatfernsehsendern aus Köln. Ein brillanter Geist, das ist das, was einen hervorragenden Lehrer im Unterricht ausmacht. Dieser Punkt ist für Lehrer nicht so einfach zu verbessern. Eine echte Verbesserungsmöglichkeit besteht für viele Lehrer jedoch darin, dass sie vom zeitgeistigen „betreuten Lesen“ in Powerpointfolien zu einer echten Interaktion mit den Lernenden wechseln. Das muss nicht unbedingt ohne Konzept sein, aber es ist anzunehmen, dass auch Schumpeter ein Konzept hatte, nur eben nicht (immer) schriftlich ausgearbeitet und vor sich liegen. Anspruch und Konsequenz, das sind zwei unzeitgemäße Größen. Bedauerlicherweise – getrieben durch den Bologna-Prozess und die Unbildung im Sinne von Konrad Paul Liessmann – auch im tertiären Bildungsbereich. Hier hat die Didaktik im Jahr 2019 wohl den größten Bedarf nach Schumpeter.

Literatur zu Schumpeter und Didaktik

Kron, F.W., Jürgens, E., Standop, J.: Grundwissen Didaktik, 6. Aufl., München, Basel 2014.
Lenzen, D.: Pädagogische Grundbegriffe, Bd. 1, Reinbek 1989.
März, E.: Joseph Alois Schumpeter. Forscher, Lehrer und Politiker, München 1983.
Pirker, Ch.: Joseph A. Schumpeter und das Studium der Sozialwissenschaft. Ein Beitrag zur österreichischen Wissenschaftsgeschichte, Klagenfurt 1999. (= Retrospektiven in Sachen Bildung, R. 2, Studien, Nr. 27)
Pirker, Ch.: Wie viel Schumpeter braucht die Didaktik? In: Lechner, E. (Hrsg.): Pädagogisch-Bildungsgeschichtliche Statements VII, abgegeben am 12. September 2019 im „Historischen Klassenzimmer“, Klagenfurt-Wölfnitz, Klagenfurt 2019, S. 61–66. (= Retrospektiven in Sachen Bildung, R. 2, Studien, Nr. 100)
Schöler, W.: Strukturen und Modelle des Unterrichts, Paderborn 1977. (= Lehrbücher zur Didaktik, hrsg. v. Walter Schöler, Bd. 1)

Titelbild

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